KINDLICHE ENTWICKLUNG

Kinder befinden sich von der Geburt bis zum Erwachsenenalter in einem ständigen Prozess der Entwicklung und Veränderung. Neben der körperlichen Entwicklung erwerben sie jeden Monat neue Fähigkeiten.

Die Entwicklungsstufen und das Tempo variieren von Kind zu Kind. Obwohl es keine festen Regeln gibt, verläuft die kognitive Entwicklung bei Säuglingen parallel zur neurologischen Entwicklung; intelligente Kinder laufen und sprechen oft früher.

Reifung ist das Auftreten angeborener Fähigkeiten. Zum Beispiel sind Sprechen und Gehen genetisch angelegt und treten zu ihrer Zeit auf; es ist nicht möglich, ein Kind mit 6–7 Monaten durch Training zum Sprechen oder Gehen zu bringen.

Lernen hingegen hebt die Entwicklung während des Reifungsprozesses auf ein höheres Niveau. Wenn ein Kind im sprechfähigen Alter keine sprachlichen Reize erhält, entwickelt sich die Sprache langsamer. Welche Sprache ein Kind lernt, hängt von seiner Umgebung ab.

Bei Routineuntersuchungen wird neben der körperlichen Entwicklung auch die psychosoziale Entwicklung bewertet, indem überprüft wird, ob das Kind altersgerechte Verhaltensweisen zeigt.

GRUNDVERTRAUEN

Ein Neugeborenes befindet sich in der Anpassung an die Außenwelt und drückt seine Bedürfnisse durch Weinen aus. Es kann Gerüche wahrnehmen und Berührungen fühlen. Wenn ein Baby weint und die Bezugsperson liebevoll reagiert und seine Bedürfnisse erfüllt, fühlt sich das Baby wertgeschätzt. So entwickelt sich ein grundlegendes Vertrauen, das das ganze Leben beeinflusst. Ein Grundbedürfnis des Babys ist es, gehalten, geliebt und gestreichelt zu werden. Man sollte nicht befürchten, dass es sich daran gewöhnt; ein Kind, das mit Liebe aufwächst, entwickelt sich gesund. Ein Baby mit entwickeltem Vertrauen lernt mit der Zeit auch zu warten.

Stillen stärkt die psychologische Bindung zwischen Mutter und Kind. Während des Stillens wirken Berührung, Herzrhythmus und Wärme der Mutter beruhigend und geben dem Baby Sicherheit.

Im Alter von 1–2 Monaten erkennt das Baby seine Eltern und zeigt dies durch Lächeln und Laute. Wenn die Mutter spricht und sich mit ihm beschäftigt, versucht das Baby zu antworten, wodurch die ersten sozialen Fähigkeiten entstehen.

In den ersten 6 Monaten spiegelt das Baby die Emotionen der Mutter wider. Ist die Mutter ruhig und glücklich, ist auch das Baby ruhig; ist sie ängstlich, wird das Baby unruhig. Babys nehmen Gesichtsausdrücke wahr und spiegeln diese.

Im 3. Monat beginnt die soziale Entwicklung. Das Baby beobachtet Menschen und Gegenstände und beginnt, sie zu unterscheiden. Es genießt die Nähe vertrauter Personen.

Mit 6 Monaten erkennt das Baby sich im Spiegel und versucht, Bezugspersonen zu berühren. Es bevorzugt direkten Augenkontakt.

Im Alter von 7–8 Monaten unterscheidet das Baby Fremde von vertrauten Personen und zeigt oft Angst oder Meidung gegenüber Unbekannten. Es spielt gerne einfache Spiele.

Nach dem 9. Monat sucht das Baby nach verschwundenen Objekten (Objektpermanenz). Nachahmung entwickelt sich und unterstützt Sprach- und Sozialentwicklung. Das Baby winkt oder klatscht.

Mit 10–12 Monaten beginnt das Baby, durch selbstständige Bewegung die Welt zu entdecken und erkennt sich als eigenständige Person. Es entfernt sich von der Bezugsperson, überprüft aber gleichzeitig deren Anwesenheit und lädt andere zur Interaktion ein. Es zeigt auf Objekte, um Aufmerksamkeit zu teilen (gemeinsame Aufmerksamkeit), was Augenkontakt erfordert – eine Fähigkeit, die bei autistischen Kindern oft fehlt.

Zwischen dem 8. und 15. Monat entwickelt sich die sozial-emotionale Entwicklung durch „Bindung“. Bindung ist eine universelle Überlebensstrategie, die im Säuglingsalter beginnt und ein Leben lang anhält. Die erste Bindung entsteht meist zur Mutter oder Bezugsperson und bietet Schutz und Sicherheit. Diese Person erkennt Signale von Angst oder Stress und sorgt für Schutz und Beruhigung.

Für eine gesunde Bindung muss die Bezugsperson konsistent, einfühlsam und erreichbar sein. Kinder mit sicherer Bindung haben bessere soziale Fähigkeiten und fühlen sich auch ohne die Bezugsperson sicher.

Kinder im Alter von 1–3 Jahren können aufgrund von Trotz, Hartnäckigkeit und mangelndem Teilen schwierig sein. Sie beginnen selbstständig zu essen und sich anzuziehen. Die Sauberkeitserziehung erfolgt meist um das 2. Lebensjahr. Die Sprachentwicklung verläuft schnell: Mit 18 Monaten versteht das Kind einfache Fragen und besitzt einen Wortschatz von 3–50 Wörtern. Mit 2 Jahren beginnt es, Zwei-Wort-Sätze zu bilden. Wenn ein Kind nach dem 2. Lebensjahr nicht spricht, sollte es untersucht werden. In diesem Alter zeigen Kinder widersprüchliche Gefühle: Sie wollen unabhängig sein, haben aber auch Angst vor Trennung. Wutausbrüche können auftreten und sollten ruhig und konsequent begleitet werden.

Kinder fühlen sich sicherer, wenn es klare Regeln und Grenzen gibt. Alles zu erlauben schadet mehr, als es nützt.

Spiel ist für eine gesunde Entwicklung unerlässlich. Kinder lernen und kommunizieren durch Spiel. Bis zum Alter von 2–3 Jahren imitieren sie andere, spielen aber nicht gemeinsam; danach beginnen sie, zusammen zu spielen und genießen die Gesellschaft Gleichaltriger.

Um eine schöne Zeit mit Ihrem Baby zu verbringen:

  • Nehmen Sie Ihr Baby in den Arm, massieren Sie es und sprechen Sie liebevoll mit ihm.
  • Sprechen Sie häufig mit ihm, nennen Sie seinen Namen und halten Sie Augenkontakt.
  • Bewegen Sie Gegenstände in seinem Sichtfeld und zeigen Sie ihm verschiedene Objekte.
  • Singen Sie Lieder und Wiegenlieder mit Rhythmus; Babys lieben Wiederholungen.
  • Lassen Sie Ihr Baby Ihr Gesicht mit den Händen erkunden.
  • Gehen Sie nach draußen und benennen Sie Dinge, die es sieht.
  • Geben Sie verschiedene Spielzeuge.
  • Erzählen Sie Geschichten.
  • Lächeln Sie und zeigen Sie Freude, wenn Ihr Baby lächelt.

Fachärztin Dr. Hale Yener / Kinderärztin / İrenbe